Blog

Afghanistan im Jahr des Truppenabzugs: Gesundheit zwischen Landminen und Raketen

2014 GLOBAL HEALTH – In weiten Teilen von Afghanistan war kriegsbedingt über viele Jahre hindurch eine medizinische Basisversorgung nicht möglich. Die Folgen der desolaten Strukturen sind u.a. eine extrem hohe Kindersterblichkeit und eine geringe Lebenserwartung. Der internationale Einsatz kann Erfolge vorweisen; jedoch ziehen mit Jahresende die ausländischen Truppen ab.

Afghanistan ist ein rauer Flecken Erde. Je nach Region sind die Winter eisig, die Sommer stickig und trocken. In den kalten Monaten erfrieren Kinder auf den Straßen, in den mehr als 40 Grad heißen Sommertagen darbt das Vieh. Schier endlose Wüstenlandschaften durchziehen das Land genauso wie massive Gebirgsketten. Die Vegetation reicht von rar über dürr bis nichts. Immer wieder wird das Land von Naturkatastrophen heimgesucht. So viel ist sicher: Vom Leben verwöhnt war die afghanische Bevölkerung allein auf Grund dieser Gegebenheiten nie. Und dann auch noch das: Seit drei Jahrzehnten tobt im Land ein blutiger Kampf um Macht und Besitz. Glaubenskrieger und Warlords diktieren, welche Regeln und Gesetze gelten. Mehrfach wird Afghanistan zum Spielball internationaler Konflikte, seit 2001 herrscht Krieg im Land. Der Rücken der afghanischen Bevölkerung muss breit sein, um all dies auszuhalten. Aber er ist es nicht.

Afghanistan zählt bis heute zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. 70 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten. Im Alltag regieren bittere Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit und Korruption. Häusliche Gewalt und Zwangsehen gehören zur Tagesordnung. Der Drogenhandel blüht, die Justiz schaut oft tatenlos zu. Elementare Stützen einer Gesellschaft wie Infrastruktur, Bildungswesen, Verwaltung und Polizei liegen vielerorts brach. Am schlimmsten steht es um das Gesundheitswesen. Der Bevölkerung fehlt grundlegendes Gesundheitswissen – selbst in so elementaren Belangen wie der Hygiene. Es mangelt an Geld, qualifiziertem Personal, sauberem Wasser, Strom, medizinischen Geräten und Medikamenten. Selbst eine Basisversorgung ist in weiten Teilen des Landes über viele Jahre kaum möglich gewesen. Das Wenige, das an Versorgung gegeben war, konnten viele der fast 30 Millionen Afghanen nicht bezahlen. Der afghanische Staat half ihnen nicht, private Einrichtungen und Non-Profit-Organisationen sprangen ein. Die Folge der desolaten Strukturen: eine extrem hohe Kinder- und Müttersterblichkeit, eine geringe Lebenserwartung, schwerwiegende und weitgehend unbehandelte mentale Erkrankungen sowie weit verbreitete Krankheiten wie Unterernährung, Hepatitis, Cholera, Aids, Malaria und Tuberkulose. In nahezu sämtlichen Gesundheitsindikatoren und Gesundheitsstatistiken rangiert Afghanistan seit Jahren auf einem der letzten Plätze.

Weiterlesen

Erschienen in: Österreichische Ärztezeitung, Dezember 2014