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E-Health-Forschung: Näher am Patienten geht nicht

2015 DIGITALISIERUNG – Die Digitalisierung hat die Medizin erfasst. Was oft fehlt, ist Evidenz. Die Universitätsklinik Dresden macht sich daran, diese zu liefern. Sie erforscht den Nutzen einer App für manisch Depressive. Von Nora Schmitt-Sausen

Der kleine Helfer in Silvana Ruttloffs Tasche ist ein treuer Begleiter. Er ist im permanenten Einsatz. Nahezu 24 Stunden. Sieben Tage die Woche. Verlässlich. Tag wie Nacht. Er steht der zierlichen, jungen Frau, bei der vor einem Jahr eine bipolare Störung diagnostiziert wurde, diskret zur Seite, ohne auffällig zu sein. Wie sie gerade drauf ist, muss sie ihm nicht erklären. Er weiß es von alleine. Er ist ein Smartphone. Ein Smartphone mit einer App. Keine App, die nur Schritte zählt oder die Patientin zum Wassertrinken animiert. Sondern eine App, die es möglich macht zu erkennen, wenn Ruttloffs Alltag gefährlich aus dem Ruder läuft.

Menschen mit bipolaren Störungen haben auffällige Verhaltensmuster. Während manischer Episoden sind sie meist hyperaktiv, schlafen wenig, telefonieren stundenlang, versenden Hunderte SMS, zeigen ein hohes Risikoverhalten. 800 000 Patienten sind deutschlandweit von der Krankheit betroffen. Auftreten und Häufigkeit der manischen Phasen sind variabel, weil sie durch viele unvorhersehbare Faktoren beeinflussbar sind. Sind Patienten erst einmal in eine manische Episode eingetaucht, kann das verheerende Folgen haben. Im Extremfall räumen Betroffene ihre Konten leer, kaufen teure Autos, beenden Beziehungen, schlafen nicht oder glauben, auf Dächern spazieren zu können.

Direkt zum Patienten

In Sachsens Landeshauptstadt Dresden kennen sie solche Geschichten zur Genüge. Dort, an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden, arbeiten Ärzte mit ausgewiesener Expertise auf dem Gebiet der bipolaren Störungen. Und diese Mediziner wissen, wo bislang die Grenzen der ärztlichen Hilfe verlaufen. „Wir können die Phasen mit Medikamenten gut behandeln, was wir aber bislang nicht können, ist vorherzusagen, wann eine manische Episode auftritt“, sagt Direktor Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Michael Bauer. „Wir denken aber, dass es sinnvoll ist, im Falle solcher Verhaltensänderungen einen raschen, direkten Zugang zum Patienten zu bekommen.“

Genau hier setzt die Technik an. Wenn Patientin Ruttloff zu Hause sitzt und wieder und wieder zum Handy greift – die App registriert es. Wenn die Dresdnerin eine SMS tippt. Eine zweite. Eine dritte. Vierte. Fünfte. Die App zählt mit. Wenn die junge Patientin beim Schreiben einer Nachricht Wort an Wort fügt, sich Satz an Satz reiht, SMS-Nachrichten entstehen, für die das Display nicht ausreicht. Die Smart-phone-App erfasst es. Denn sie zählt nicht nur, wie viele SMS geschrieben werden, sondern auch wie lang die Nachrichten sind. Es sind zentrale Faktoren, die von der App erfasst werden. Denn genau diese Hyperaktivität und das Suchen von Kontakt zu anderen ist ein Krankheitsmerkmal bei Patienten mit einer bipolaren Störung.

Ein anderes für das Krankheitsbild typisches Szenario: Die Telefonleitung glüht. Immer andere Nummern werden angerufen, bevorzugte Telefonzeit: nachts. Auch Ruttloff kennt das. „In manchen Phasen habe ich stundenlang telefoniert. Mal mit dem einen, dann mit dem anderen, später noch mit jenem. Ich habe in der Gastronomie gearbeitet und wusste genau, wer nachts zu erreichen ist.“ Geschlafen habe sie in solchen Nächten kaum.

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Erschienen in: Deutsches Ärzteblatt, Oktober 2015