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Afghanistan-Experte Conrad Schetter: Deutschland betont zivilen Ansatz

2010 INTERNATIONALE POLITK – Ende Januar trifft sich die internationale Gemeinschaft, um über die Zukunft des Afghanistan-Einsatzes zu sprechen. Conrad Schetter vom Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn verfolgt die Lage in Afghanistan seit Anfang der 90er-Jahre. Er meint im Gespräch mit unserer Mitarbeiterin Nora Schmitt-Sausen, dass von der Konferenz nicht viel zu erwarten ist und rechnet damit, dass es für Deutschland in London ungemütlich wird.

SZ: Was macht die internationale Diskussion um den Einsatz in Afghanistan so schwierig?
Schetter: Nach wie vor gibt es kein klares Konzept für Afghanistan. Geht es darum, Terrornetzwerke zu zerschlagen, einen Staat aufzubauen, westliche Werte zu implementieren oder wie zuletzt häufig gehört, nur noch Stabilität zu erreichen? Diese Unklarheit führt zu einer Schieflage.

SZ: Bekommen wir in London Antworten auf diese Fragen?
Schetter: Das ist kaum zu erwarten. Eine solche Konferenz ist ein Basar unterschiedlicher Interessen. Es geht in London vor allem darum, innere Befindlichkeiten der Deutschen, Franzosen, und Briten zu bedienen, die in der Öffentlichkeit unter Druck geraten sind. Dazu werden wir ein typisches
Katz-und-Maus-Spiel erleben, indem darum gepokert wird, inwieweit die Europäer bereit sind, auf die Amerikaner zuzugehen.

SZ: Und in wieweit sind sie das?
Schetter: Ich tippe, die Europäer werden Zugeständnisse machen und mehr Truppen schicken. Aber sie werden gleichzeitig vom Abzug reden, weil das für die Öffentlichkeit wichtig ist. Dabei wird man sich an dem von Obama genannten Abzugsdatum 2011 orientieren. Ob dieser Abzug dann aber zwei oder 20 Jahre dauert, kann jetzt noch niemand sagen.

SZ: Wie könnte die Strategie für den Rückzug aussehen?
Schetter: Es wird diskutiert, dass man sich militärisch nur noch auf die großen Städte konzentriert und sich aus der Fläche zurückzieht. Es blieben nur
ein paar tausend Mann, um ein Mindestmaß an Sicherheit zu gewährleisten. Dass man nicht mehr das gesamte Territorium kontrollieren möchte, ist ein neuer Ansatz. Die 100 000 Soldaten von heute auf morgen aus Afghanistan zurückzuholen, würde ein Machtvakuum hinterlassen.

SZ: Ist mit konkreten Zusagen von Außenminister Guido Westerwelle bei der Frage nach Truppenaufstockungen zu rechnen?
Schetter: Ich schätze, er wird weitere 500 bis 800 Soldaten schicken, aber keinesfalls mehr. Die Soldaten werden aber vor allem für Logistik und für die Ausbildung der afghanischen Armee zuständig sein und nicht ins operative Kampfgeschäft eingreifen. Dies ist wichtig, um die Aufstockung der Truppen auch der deutschen Öffentlichkeit zu verkaufen.

SZ: Wie hoch ist der Druck, der in London auf Deutschland lastet?
Schetter: Abseits der Frage nach der Truppenaufstockung wird sich Deutschland damit konfrontiert sehen, dass es sich im vergleichsweise ruhigen Norden verschanzt hat und nicht in den umkämpften Süden und Südosten gegangen ist. Dadurch, dass die Amerikaner nun entschieden haben, Truppen in den Norden zu schicken, wurden die Deutschen weiter vorgeführt. Die Position der Deutschen ist schwierig. Sie haben in diesem Konflikt bislang sehr zurückhaltend agiert.

SZ: Mit welcher Strategie wird Westerwelle an den Verhandlungstisch gehen?
Schetter: Ein wesentlicher Punkt wird sein, darauf zu bestehen, dass die Deutschen im Norden bleiben und nicht in den Süden gehen. Da Deutschland wenig Truppen stellt, kann es sein, dass eine Forderung in dieser Richtung aufkommt. Da muss sich der Außenminister dann sicher sein, dass er nicht nachgibt. Außerdem wird Westerwelle betonen, dass der deutsche Ansatz ein ziviler Ansatz ist und sich für eine Ausweitung der zivil-militärischen Zusammenarbeit
stark machen.

SZ: Wie soll dieser starke zivile Ansatz aussehen?
Schetter: Es geht vor allem darum, weiteres Sicherheitspersonal aufzubauen und die Übergabe der Verantwortung an die Afghanen vorzubereiten. Bei der Korruption im Land ist das eine schwierige Aufgabe. Außerdem hatten Deutsche und Amerikaner unterschiedliche Konzepte bei der Ausbildung von Polizisten. Es war nicht klar, was für eine Art von Polizist man haben wollte, den Bürger in Uniform oder die private Sicherheitsfirma. Ein grundsätzliches Problem ist,
dass wir zu wenig Ausbilder haben. In Deutschland und weltweit.

SZ: Wie lange wird Afghanistan internationale Hilfe brauchen?
Schetter: Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt. Es wird Generationen dauern, bis es auf eigenen Beinen stehen kann. Aber wenn die militärische Intervention von außen abgeschlossen ist, besteht die Hoffnung, dass das Volk sein Schicksal langsam selbst in die Hand nimmt und sich die Staatlichkeit von unten heraus ganz allmählich entwickelt. Dass das durchaus funktionieren kann, haben wir schon in anderen Ländern gesehen.

Erschienen in: Schwäbische Zeitung, 26.1.2010 (nur Print)